Selbsthilfegruppen bieten einen geschützten Raum, in dem Betroffene und Angehörige auf Augenhöhe ins Gespräch kommen, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig stärken können.
Das Prinzip Selbsthilfegruppe
Selbsthilfe gestalten: Wer bringt sich ein?
Der Kern der Selbsthilfegruppen liegt in der Initiative engagierter Mitglieder, die Verantwortung übernehmen und die Gemeinschaft zusammenhalten. „Es braucht immer jemanden, der den Hut aufhat“ Eine Gruppe lebt davon, dass Einzelne Treffen organisieren und als Ansprechpersonen dienen. Besonders ermutigend ist es, wenn jene, die anfangs Unterstützung erhielten, später selbst aktiv werden und ihr Wissen weitergeben. „Selbsthilfegruppe sagt ja schon: ‚Hilf dir selbst‘. Der erste Schritt dorthin überwindet bereits eine Blockade“
So wächst eine lebendige Gemeinschaft, in der gegenseitige Hilfe selbstverständlich ist. Neue Mitglieder – egal ob frisch amputiert oder schon lange betroffen – werden unkompliziert aufgenommen.
Peer-Beratung – Experten in eigener Sache
Die Peer-Beratung ist ein wichtiger Baustein in der Begleitung von Menschen nach einer Amputation. Dabei unterstützen Betroffene andere Betroffene – oft genau dann, wenn Ängste und Unsicherheiten besonders groß sind. „Unsere Peers sind Ansprechpartner im Krankenhaus. Sie wissen, wie sich das anfühlt und können konkret helfen“ Peers haben selbst eine Amputation erlebt und wurden speziell geschult. Sie bringen persönliche Erfahrung, Gesprächskompetenz und psychosoziales Wissen mit. Die Gespräche finden meist im Krankenhaus statt, können aber auch zu Hause oder in Selbsthilfegruppen geführt werden.
„Eine Amputation ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft, diesen Weg zu gehen und sich wieder ein Stück Lebensqualität zurückzuholen. “
Das Ziel: Ängste abbauen, Mut machen und alltagsnahe Tipps geben. Das erste Gespräch erfolgt meist innerhalb einer Woche nach Klinikaufenthalt, weitere Termine sind möglich. Auch Angehörige können teilnehmen. Themen sind u.a. der Umgang mit der neuen körperlichen Situation, Prothesenversorgung, Stumpfpflege, Reha und gesellschaftliche Teilhabe. Peers berichten ehrlich von ihrem eigenen Weg und vermitteln: „Du bist nicht allein. “
Zusammenarbeit mit Sanitätshäusern und Fachkräften
Sanitätshäuser stehen vor der Herausforderung, in kurzer Zeit und mit oft knappem Personal nicht nur Hilfsmittel technisch anzupassen, sondern auch umfassend über Alltagsthemen sowie praktische Tipps zu informieren.
Dabei bereichert der Austausch mit Selbsthilfegruppen die Arbeit für alle Beteiligten erheblich. Flyer und Infomaterial liegen in den Sanitätshäusern bereit, und die Gruppen bieten bei Fragen Unterstützung.
Besonders hilfreich ist der Erfahrungsaustausch zum Umgang mit Interims- und endgültigen Prothesen sowie zu Alltagsthemen wie der Pflege von Stumpf und Liner. In den Selbsthilfegruppen kommen zudem viele praktische Tipps zur Sprache, die im Sanitätshaus oft zu kurz kommen: Wie steige ich sicher mit einer Prothese Treppen? Wie nutze ich Rolltreppen? Worauf achte ich beim Einsteigen in Busse und Bahnen? Auch der Umgang mit Volumenschwankungen des Stumpfes – etwa durch das Tragen von Ausgleichsstrümpfen im Tagesverlauf – kann in der Gruppe praxisgetreu und ausführlich besprochen werden.
Alltagsbewältigung und psychosoziale Aspekte
Der Austausch in der Gruppe hilft, individuelle Lösungen für ganz praktische Fragen zu finden: Welche Kleidung funktioniert am besten? Wie gehe ich mit Scham oder Schuldgefühlen um? „Viele trauen sich anfangs nicht, kurze Hosen oder Röcke zu tragen. Andere gehen nicht ins Schwimmbad. In der Gruppe kann man offen darüber sprechen und sich gegenseitig Mut machen“.
Gemeinsam mehr bewegen
Selbsthilfegruppen und der Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation (BMAB) leben von der aktiven Mitarbeit ihrer Mitglieder.
Jedes neue Mitglied, ob in einer lokalen Gruppe oder im BMAB, hilft, die Interessen von Amputierten sichtbarer zu machen und politisches Gewicht zu gewinnen. Nur eine breite Basis ermöglicht es, wichtige Ziele wie bessere Versorgungsstrukturen, mehr Barrierefreiheit und eine moderne Prothetikversorgung durchzusetzen.
Wer sich engagiert, gewinnt nicht nur selbst durch Austausch und Unterstützung, sondern sorgt auch dafür, dass Wissen und Erfahrung weitergegeben werden. So bleibt die Selbsthilfe lebendig und zukunftsfähig – und niemand muss den Weg nach einer Amputation allein gehen.
Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des Bundesverbands für Menschen mit Arm- oder Beinamputationen e.V. (BMAB): https://www.bmab.de/
